Organisation, Produkte und Marketing im Unternehmen Louis Pasteurs – Gerald L. Geison

Neben seiner unbestrittenen Relevanz in der Medizingeschichte beweist Louis Pasteur auch in betriebswirtschaftlicher Hinsicht erstaunliches Talent. Der Historiker Gerald L. Geison († 2001) stellt fest, dass die strenge Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Industrie, Wissenschaftler und Industriechef im 19. Jhdt. so nicht mehr zutreffend ist. Louis Pasteur ist in der Beschaffung finanzieller Mittel, Räumlichkeiten und wissenschaftlicher Mitarbeiter fast ebenso erfolg- und einfallsreich wie in seiner medizinischen Forschung. Er nimmt dabei die Rolle eines Patriarchen ein und reagiert auf Kritik äußerst empfindlich. Von Anfang an wendet er sich zur Finanzierung seiner Arbeit an staatliche Stellen, und das mit Erfolg sowohl unter Kaiser Napoleon als auch nach dessen Sturz in der dritten Republik. Dabei läuft Pasteurs akademische Karriere nicht konfliktfrei. 1867 wird er von seinem Posten an der Ecole Normale entbunden, nachdem er zwei Studenten aufgrund eines Artikels für die Redefreiheit vom Studium auszuschließen versucht. Nach der Zusage des Kaisers zur Gründung und zum Neubau eines eigenen Instituts erleidet Pasteur 1868 einen schweren Schlaganfall, treibt aber seine Forschung weiter voran. Nachdem er für seinen Impfstoff gegen die Hühnercholera zusätzliche Fördermittel vom Landwirtschaftsministerium erhält und 1881 seinen Impfstoff gegen Milzbrand vorstellt, erhält er 1885, als er erstmals seinen Impfstoff gegen Tollwut am Menschen testet, bereits 10% der gesamten staatlichen Wissenschaftsförderung Frankreichs. Drei Jahre später wird das Institut Louis Pasteur in Paris eingeweiht. Neben dem Netzwerk von Förderern und Unterstützern, dass er sich nach und nach auf- und ausbaut, kann er neben der tatkräftigen Mitarbeit aus seiner Familie (seine Frau wird später als seine Hauptmitarbeiterin bezeichnet werden) auf einen nicht endenden Zufluss an Doktoranden und somit wissenschaftlichen Mitarbeitern aus der Ecole Normale zurückgreifen. Geison teilt Pasteurs Arbeit in zwei Arten von Produkten ein: literarische (die zahllosen wissenschaftlichen Publikationen von ihm und seinen Mitarbeitern) und symbolische Produkte (der Mythos, den er nach und nach um sich und seine Arbeit aufbaut). Neben den zahlreichen Patenten, die unter Pasteurs Namen angemeldet wurden schätzt Geison die Keimtheorie allerdings als dessen wichtigstes „Produkt“ und Vermächtnis ein.

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